Performance
Process

Eine Kooperation des Museum Tinguely,
der Kaserne Basel
und der Kunsthalle Basel,
in Partnerschaft mit dem Centre culturel suisse Paris

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«Zeitgenossenschaft, darum geht’s mir. Zu fragen, was das für eine Welt ist, in der wir leben.»

Die Künstlerin Ernestyna Orlowska im Gespräch mit Dominikus Müller.

Dominikus Müller: Ernestyna, deine Performance bei New Swiss Performance Now heißt «God Is a Girl, extended version: Night Time Is The Right Time». Worum geht’s? 

Ernestyna Orlowska: In «God Is a Girl» geht es um eine halluzinogene Figur, die sehr groß ist und kopflos, eine Art Hohepriesterin der Partykultur. Die Performance in der Kunsthalle wird eine «Extended Version» einer Performance sein, die ich zum ersten Mal im Oktober gezeigt habe. 

DM: Was interessiert dich an Partykultur? 

EO: Ich wollte schon länger mal was zu diesem ganzen Feld westlicher Partykultur machen und zu den Ästhetiken, die damit verbunden sind. Es geht mir dabei schon auch um die Frage von Freiheit und Spaß in einem ziemlich engmaschig gewebten kapitalistischen System. Aber auch ganz generell um Hedonismus, ebenso um ein menschenzentriertes, humanistisches Weltbild. 

DM: Wie hängen Partykultur und ein humanistisches Weltbild zusammen? 

EO: Der Hedonismus ist ein Humanismus. An einer Stelle in der Performance konvergieren diese beiden Elemente: Es gibt eine Figur, die davon spricht, wie schwierig es war, die Evolution so zu kontrollieren, dass wir hier heute alle zusammen sein können um Party zu machen. Das ist auch als Referenz an religiöse Gatherings gemeint, an eine bestimmte Emotionalität und an Strategien des «You are special!». 

DM: Was meinst du mit «Strategien des ‚You are special!‘»? 

EO: Die ganze Marketing-Industrie basiert darauf, dass den Leuten erzählt wird, dass sie etwas Besonderes sind und sich was gönnen sollen. Auch die christliche Religion sagt immer wieder, wie speziell der Mensch ist. Es ist die Herausforderung der Generation Y, sich selbst zu verwirklichen. 

DM: Und was fängst du damit dann an? 

EO: Ich spiele einfach ein bisschen damit, aber genauso mit Erotik und Absurdität. Sowieso ist die ganze Performance sehr humoristisch. Es gibt eine Szene gegen Ende, da hebe ich mein Kleid und man sieht zwei große Augen auf meinem Po und Lippen. Ich mache mal Lip-Syncing, dann wieder schüttle ich meinen Po viel zulange. Mir geht’s da um die Absurdität eines endlos twerkenden Pos. Das Ganze ist wie ein Vexierbild: Man sieht erst den Arsch, dann das Gesicht, dann mich, wie ich den Arsch schüttle. Ich versuche in meinen Performances eigentlich immer, verschiedene, oft widersprüchliche Teile gegeneinanderzusetzen. Denn das erzeugt Reibung. Und Reibung ist das Potential, aus dem ich schöpfe. 

DM: Das sind dann sozusagen Gegenfiguren, die kopflose Hohepriesterin und die Frau mit dem Gesicht auf dem Hintern. Wer tritt denn noch auf in God Is a Girl? 

EO: Für die Basel-Version sind wir gerade dabei, noch eine weitere Figur zu entwickeln, die Tanja Turpeinen übernimmt. Sie wird eine Art Tempeldienerin sein, ein Party-Avatar. 

DM: Wie stellt man einen Party-Avatar dar?  

EO: Das weiß ich noch nicht genau, vielleicht als jemand, der seit 50 Jahren ununterbrochen Party gemacht hat? 

DM: Viele deiner Performances haben ein klares, oft recht spezifisches Thema: Jetzt ist es Partykultur, in deiner letzten Performance namens «Fruits» war es Künstliche Intelligenz. Im Großen und Ganzen betrachtet: Was steht als große Klammer dahinter? 

EO: Zeitgenossenschaft, darum geht’s mir. Zu fragen, was das für eine Welt ist, in der wir leben. Und was das für eine Kultur ist, die uns prägt. Was ist es, was alle Leute kennen? Was ist der Mainstream? Und warum ausgerechnet das?

DM: Und was ist das, der Mainstream? 

EO: Na, Popmusik eben und Fernsehen und Filme. Sicher auch das Internet und die Art und Weise, wie man sich dort darstellt. Oder wie andere Leute dargestellt werden. Aber ich komme auch immer wieder auf große religiöse oder mystische Themen zurück. 

DM: Ja, das ist mir auch aufgefallen. Das fand ich gerade in diesem Versuch interessant, das Religiöse im Zeitgenössischen auszuspüren. Eine deiner ersten Performances hieß ja auch «Mother Mary» und ging, wie der Titel es schon sagt, um die heilige Mutter Gottes. 

EO: Ich wollte eine zeitgenössische Version von Maria auf die Bühne bringen. Aber ich bin komplett an der Figur abgeprallt. Sie ist so unnahbar, eine reine Projektionsfläche. Am Ende habe ich dann das gemacht, was halt alle machen: Eben das auf sie projizieren, was mir gerade gepasst hat. Die Kirche macht das auch. 

DM: Zwischen «Mother Mary» und «God Is a Girl» gibt es ja allein im Titel schon eine gewisse Verwandtschaft ... 

EO: Dabei kommt der Titel «God Is a Girl» vom letzten Lied einer Playlist. Der hieß einfach so: «God is a Girl» — und das ist noch dazu eine Nightcore-Version. 

DM: Was ist das denn, Nightcore? 

EO: Highspeed-Versionen von Songs. Man findet auf YouTube quasi zu jedem erdenklichen Lied eine Nightcore-Version — total aggressiv, überdreht und absurd. Mit so krassen Trancepassagen dazu. 

Ernestyna Orlowska God Is A Girl In Collaboration With Tanja Turpeinen 2017 David Aebi

Ernestyna Orlowska, «God Is A Girl» (Performance), in Kollaboration mit Tanja Turpeinen, Stadtgalerie Bern, 2017. Foto: David Aebi 

DM: Für deine vorletzte Performance, «Fruits», hast du mit zwei weiteren Performern Künstliche Intelligenzen verkörpert. Wie gibt man einer künstlichen Intelligenz einen Körper? 

EO: Das ist genau der Knackpunkt bei «Fruits». Man weiß ja ganz genau, dass wir drei keine echten künstlichen Intelligenzen sind. Wir versuchen aber, einen performativen Umgang damit zu finden. Wir haben uns vorgenommen, ein wenig wie AIs zu denken und uns vorzustellen, wie denn eine AI in dieser oder jener Situation reagieren würde. Das öffnet dann natürlich auch einen Raum für Situationskomik, die aus dem Scheitern erwächst. 

DM: Und, wie denkt eine AI?

EO: Eine AI hat kein Gefühl für Proximität und keine Anstandsgrenze beim Sprechen, sie weiß nicht, wann man etwas sagt und wann man es besser lässt. Sie hat einfach keine Empathie. Das fühlt sich alles immer sehr awkward an, und immer ein bisschen verschoben, immer so leicht an der Pointe vorbei. Und sowas löst Unwohlsein aus. AIs sind auch frei vom Bedürfnis, gut dastehen zu wollen. 

DM: Wäre das dann im Gegensatz etwas sehr Menschliches, gut dastehen zu wollen? 

EO: Ich glaube schon. Und das schließt sich dann wieder damit, was ich meine, wenn ich von Humanismus spreche: nämlich die Idee vom Menschen als zentralem Subjekt des Universums. Ich finde es dagegen sehr angenehm, dass man einfach nur eines von vielen Lebewesen im Universum ist: total unbedeutend — das Gegenteil des Besonderen. 

Die Arbeit von Ernestyna Orlowska ist im Rahmen von «New Swiss Performance Now» in der Kunsthalle Basel zu sehen. Vernissage: Donnerstag, 18. Januar 2018, 19 Uhr



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